Exempla Internationale Handwerksmesse München 2002
Tischlerei Seeland, Gleichen
Ein Gespräch mit
R. Maria Seeland
Die Tischlerei Seeland in
Gleichen, Niedersachsen, hat sich in den letzten zehn
Jahren aus den
originalgetreuen Nachbau von Shaker-Möbeln spezialisiert.
Die boxes, die schönen
ovalen Schachteln, die jede Kommode, jeden Schrank
oder Tisch der Shaker auf
eine so harmonische, stimmige Weise bereichern, stellt Maria Seeland in der
traditionellen handwerklichen Art her.
Die Shaker-Boxes gehören
zu den bekanntesten und beliebtesten Dingen,
die mit der
Handwerkskunst der Shaker in Zusammenhang gebracht
werden.
Frau Seeland, was ist
Ihrer Meinung nach das Faszinierende an diesen Spanschachteln?
Die boxes sind vollkommen,
ob man sich ihre Form, ihr Material, ihre Verarbeitung
oder auch ihre Funktion
ansieht. Diese Vollkommenheit hat eine ganz eigene
Ausstrahlung und beeindruckt
uns auch heute noch. Die Shaker-Box ist eine
kompromisslos einfache,
zweckmäßige und äußerst qualitätsvolle handwerk-
liche Arbeit. Sie besitzt
eine zeitlose, ja klassische Schönheit.
Die Shaker nutzten die boxes
als Vorratsbehältnis und als ein wichtiges Utensil,
um Ordnung zu schaffen. Sie
nannten sie nice boxes und stellten sie in zehn
verschiedenen Größen und in
unterschiedlichen Holzarten her. Diese ovalen
Schachteln wurden in
sogenannten „nests“ angefertigt, d.h. jede Box passte
in die nächstgrößere und
war, wenn man sie nicht brauchte, so auch wieder
ordentlich aufbewahrt. Dir
boxes sind Synonym der Shaker-Philosophie: sie
sind zweckmäßig und einfach,
sie dienen der Ordnung und damit der
Harmonie, sie wirken
bescheiden und sind einheitlich gestaltet, was den
Shakern als Ausdruck der
Gleichberechtigung wichtig war.
entweder farbig lasiert
oder in der natürlichen Farbigkeit des Holzes
angefertigt. Welche
Hölzer eignen sich denn besonders sowohl
ästhetisch als auch
technisch für die Herstellung der Spanschachteln?
Die klassischen Materialien
sind hart maple und black cherry, also der
amerikanische Zuckerahorn
und die amerikanische Kirsche.
Diese Hölzer lassen sich gut
biegen und sie besitzen eine feingewachsene
Struktur, was wichtig ist,
um ein gleichmäßiges Oval zu erhalten. Beiden
Holzarten ist ein warmer
Farbton eigen, der so charakteristisch ist für die
ästhetische Ausstrahlung der
boxes.
Unser einheimischer Ahorn,
aber auch Ulme, Eiche und Nussbaum lassen
sich ebenfalls gut biegen
und werden von uns gerne für die boxes ver-
wendet.
Deckel und Boden können auch
aus anderen Hölzern hergestellt werden.
Die Shaker verwendeten dafür
beispielsweise pine, eine feingewachsene
Kiefernart, die nur sehr
wenig schwindet. Die Shaker waren in ihrer Holzwahl immer
auf Schlichtheit bedacht.
Wir experimentieren dagegen bei Deckel und Boden auch
gerne einmal mit
verwachsenen Hölzern von Olive, Eiche, Nussbaum oder Rüster.
Das sind unsere eigenen
Variationen, die die individuelle Schönheit der Hölzer
Betonen.
Dekorativ wirkenden
Holzverbindungen.
Die Verbindungstechniken
zeigen sehr gut, was Materialgerechtigkeit für die
Shaker bedeutete. Die
Schachteln wurden immer ohne Leim angefertigt, statt-
dessen halten Kupfer- und
Holzstifte den Korpus zusammen. Die geschnittenen
Schwalben, im Amerikanischen
werden sie fingers oder lappers genannt,
erlauben den Holz zu
arbeiten, ohne dass es aus der Form gerät, selbst wenn
sich Luftfeuchtigkeit und
Temperatur stark verändern. Zugleich ist diese Art der
Verbindung ein formschönes
gestalterisches Element. Kupferstifte verwendet
man, da sie im Laufe der
Zeit weder das Holz verfärben noch oxidieren.
Herstellung dieser
Schachteln notwendig sind?
Je nach Größe der Schachtel
werden die Holzstreifen zugeschnitten. Da man
ganz verschiedene Längen
benötigt, hat man so gut wie keinen Verschnitt, nur
die Aststellen bleiben am Ende übrig. Mit Hilfe
einer Schablone zeichnet man
die Nagellöcher und
Schwalben an und bohrt bzw. schneidet diese anschließend
aus. Die Kanten werden mit
einem Messer abgeschrägt, um die Schwalben
flexibler zu machen. Dort wo
sich die Schwalben und die Seitenwand überlappen,
trägt man ein wenig Material
ab.
Dann werden die
vorbereiteten Teile in einer Kupferwanne je nach Holzstärke und Holzart gekocht
oder gedämpft. Sie lassen sich so sehr gut in die ovale Form
biegen. Die Holzstreifen
werden mit Kupferstiften zusammengehalten und ge-
trocknet. Anschließend wird
der Deckelring angepasst, Deckel- und Bodenplatte
zugeschnitten und mit
Holzstiften fixiert. Die Schachtel wird geschliffen und außen
eventuell mit Firnis, Lasur,
Öl oder Wachs behandelt.
Wir haben nichts an der
Herstellungstechnik verändert, weil es wirklich nichts zu
verbessern gab. Auf die
gleiche Art werden bestimmt auch die ersten ovalen
Schachteln 1798 entstanden
sein und der letzte männliche Shaker, Delmar Wilson,
hat sie bis zu seinem Tod
1961 ebenfalls auf diese Weise hergestellt.
Meine Begeisterung für die
Shaker-Boxes ist zu einem Teil aus dem Machen
heraus entstanden. Die Form,
das Material und die Art der Herstellung ist so durch-
dacht und stimmig, dass es
ein ruhig fließendes, nicht ermüdendes Arbeiten
erlaubt. Augen, Kopf und
Hände sind gleichermaßen gefordert. Um auch anderen
die Möglichkeit zu geben,
diese Art des Arbeitens kennen zu lernen, bieten wir seit
letztem Jahr in unserer
Werkstätte Workshops zum Bau der boxes an. Im Tun
erlebt man, was eine gute
Form, eine ausgewogene Proportion ausmacht, wie
natürliche Schönheit,
Stimmigkeit und Harmonie aus der materialgerechten
Gestaltung entsteht, die
zudem einen hohen Gebrauchswert hat. Genauso über-
zeugend ist das vollkommene
Ausschöpfen des Materials, es bleibt kein Abfall
zurück, und auch dieser
ökologische Gedanke macht die Shaker-Box zu einem
zeitgemäßen
Gebrauchsgegenstand.
Qualitätsanspruch der
handwerklichen Verarbeitung betreffen, die
Shaker-Möbel als
vorbildlich an?
Wenn wir diese Dinge der
Shaker nachbauen, tun wir das ja nicht, um
Historisches am Leben zu
erhalten, sondern weil wir darin eine große Aktualität erkennen. Zwei
Grundsätze der Shaker lauten: „Schönheit beruht auf Zweck-
mäßigkeit“ und „Ordnung ist
der Ursprung der Schönheit“.
Das sind Prinzipien, die
unserem Gestaltungswillen sehr entsprechen.
Die Tischlerei Seeland
existiert nun fast zwanzig Jahre und wir hatten uns von
Anfang an auf schlichte und
solide Massivholzmöbel spezialisiert. Bei einer
Reise nach Amerika vor zehn
Jahren besuchten wir einige der Shaker-
Siedlungsgemeinschaften. Wir
waren sehr von der Atmosphäre, die den
Shaker-Wohnungen mit den
originalen, liebevoll restaurierten Möbeln eigen
ist, beeindruckt. Dieses
Erlebnis veranlasste uns schließlich, Shaker-Möbel
originalgetreu nachzubauen.
Vorbildlich an den Möbeln der Shaker war für uns
vor allem auch ihre grazile
Form und die große Stabilität, die sie trotzdem
besitzen. Ob an den
Sprossenstühlen oder an den Tischen, man erkennt, dass
die Querschnitte der Hölzer
minimiert sind. Zusammengefügt sind sie nur mit
traditionellen
Holzverbindungen wie Schwalbenschwanz- oder Schlitz- und
Zapfenverbindungen, und wenn
notwendig mit Holznägeln oder Schrauben
zusätzlich fixiert.
Die Shaker stellten ihre
Möbel hauptsächlich aus Ahorn her.
Wir verwenden vor allem
amerikanischem Kirschbaum, der in seinem Farbton dem Orangerotbraun alter
Shaker-Möbel sehr nahe kommt und aufgrund seiner Holz-
qualität Langlebigkeit
verspricht. Die Oberflächen sind nur geölt und gewachst.
Die speziellen Zubehörteile
wie Rollen, Kippfüße oder gewebte Bänder lassen
wir von anderen
Handwerksbetrieben wie Drechsler, Korbflechter und Schlosser
aus der Umgebung herstellen.
Auch ein von uns
entwickeltes Holzstecksystem, es heißt Nodus, ist in seinen
Grundlegenden
Gestaltungsprinzipien, seiner Einfachheit, Schlichtheit, Lang-
lebigkeit und Wandelbarkeit,
durchaus der Formgebung der Shaker verwandt.
Es ist die gestalterische
und handwerkliche Auffassung der Shaker, die die
Arbeit unserer Werkstatt
prägt.
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