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Projekt Handwerksstolz / Uni Göttingen


Geforscht, interviewt und ausgewertet : Frau Dr. Hemme am Forschungsprojekt "Handwerkerstolz" der Uni Göttingen

Im Geist der Shaker

Peter und Romana Seeland bauen Möbel einer fast vergessenen Glaubensgemeinschaft

 

Von Dorothee Hemme

 

Lang bevor das Bauhaus antrat, um handwerkliche, ornamentlose und funktionale Gestaltung zum Designgrundsatz zu erheben, schuf die Glaubensgemeinschaft der Shaker Alltagsgegenstände, in denen das Weglassen alles Überflüssigen im Mittelpunkt steht. Ihr Arbeitsethos ist heute aktueller denn je. Verschwendung war ihnen Gotteslästerung, Sorgfalt und Freude bei der Arbeit ein Gottesdienst. Im südniedersächsischen Ort Reinhausen haben sich der Tischler Peter Seeland und seine Frau Romana auf den Nachbau von Ikonen des Shakerdesigns spezialisiert.

Wenn man im Schauraum der Tischlerei von Peter Seeland auf einer Bank platznimmt, spürt man den Geist, mit dem sie gemacht wurde: Das Kirschbaumholz ist so fein geschliffen, dass die Hand ständig darüberstreichen möchte. Die Sprossen der Rückenlehne sind aus Eschenholz. Das macht die Lehne elastisch, sie biegt sich mit den Körperbewegungen. Das Möbel ist schlicht und leicht, es kommt mit der gerade erforderlichen Menge an Holz aus. Und es ist mit größter Sorgfalt gearbeitet.

 

Gebaut ist es nach Vorbildern der Shaker, einer christlichen Glaubensgemeinschaft in den USA, die sich seit dem späten 18. Jahrhundert dort ausbreitete und ganz eigenen Lebensprinzipien folgte. Während die Glaubensgemeinschaften der Shaker fast vergessen sind, werden ihre Architektur und ihre Möbel heute als ein wichtiger Beitrag in der Kunst- und Designgeschichte angesehen.

 

Eine wundersame Welt

„Das war ne wundersame Welt, auf die ich gestoßen bin“, beschreibt der Tischlermeister seine erste Begegnung mit den Möbeln der Shakern. „Vorher hab ich ja auch Massivholzmöbel gemacht, aber das war etwas, das mich richtig interessiert hat, da ist mir das Herz richtig aufgegangen. Und wenn sowas der Fall ist, dann zögere ich nicht lange…“ Mit seiner Frau Romana reist er seit den 1990er Jahren in die USA, um den letzten noch lebenden „Believern“ zu begegnen und von ihnen zu lernen. Seitdem hat er sich als wohl einziger Tischler in der EU auf den Nachbau von Ikonen der Shakermöbel spezialisiert. 

 

 

Aufbruch in eine bessere Welt

Die Bezeichnung „Shaker“ ist eine Zusammenziehung aus Shaking Quakers. Unter diesem Namen sagte sich im späten 18. Jahrhundert in England eine kleine Gruppe von Menschen von der bereits etablierten Glaubensgemeinschaft der Quäker (to quake: zittern) los und gründete eine eigene Gemeinschaft, die an ein zweites Erscheinen von Jesus Christus glaubte. Das für ihre religiöse Praxis typische Schütteln (to shake) brachte ihnen Misstrauen und den Vorwurf der Ketzerei ein, weswegen sie häufig verfolgt wurden. Eine neunköpfige Shakergruppe rund um die später als Gründungsmutter verehrte Ann Lee brach daher am 10. Mai 1774 mit dem Schiff von Liverpool auf, um in Amerika bessere Voraussetzungen für ihre Gemeinschaft zu finden. Zwei Jahre später konnten sie ein kleines Stück Land in Niskeyuna im Staat New York erwerben – die Basis für die erste von insgesamt 24 Shakergemeinden, die bis zum späten 19. Jahrhundert in 14 Staaten der USA gegründet wurden. Ihre weiteste Verbreitung fanden die Shaker um die Mitte des 19. Jahrhunderts mit etwa 20 Siedlungen und 6000 Mitgliedern.

Nicht geduldet: unnützer Zierrat

Die frühen Einwanderer brachten eine Fülle von handwerklichen Fähigkeiten mit, die sie im Laufe der Zeit immer weiterentwickelten. Shakergemeinden waren nahezu selbstständig. Im Bemühen, ihren Glauben unbehelligt zu praktizieren und einen Himmel auf Erden zu schaffen, bauten sie Häuser, produzierten Nahrungsmittel und stellten eigene Werkzeuge, Möbel, Kleidung und Haushaltsgegenstände her, aus denen ein ganz eigenes, religiös geprägter Arbeitsethos spricht.

Bescheidenheit, Pazifismus, Gleichheit und Glauben waren wichtigste Grundsätze ihrer Lebensphilosophie. Alles Eigentum wurde geteilt, und Frauen und Männer lebten gleichberechtigt, jedoch im Zölibat miteinander. Ein strenger Codex regelte Tagesablauf, Kleidung und Wirtschaft. Und er schloss vor allem die als Gotteslästerung aufgefasste Verschwendung mit Regeln wie dieser aus: „Alle Gegenstände oder Dinge mit unnützem Zierat, die menschlicher Hoffart und Eitelkeit förderlich sind, können zum Gebrauch untereinander nicht geduldet werden, eben wegen ihrer Überflüssigkeit.“ Diese Philosophie manifestierte in Ruhe und Ordnung in allen Dingen und in einem geregelten Alltag, der dem Wohl der Gemeinschaft gewidmet war. Das zog im 19. Jahrhundert viele Einwanderer an, die nach ihrer Ankunft in der Neuen Welt vor der Herausforderung standen, sich in einer weitestgehend unzivilisierten Wildnis zurecht zu finden.

 

„Die Hände an die Arbeit, die Herzen zu Gott“

Wegen ihrer gemeinschaftlichen Lebensweise konnten die Shaker Unternehmungen auf eine Art anpacken, die von ihrem Umfeld abwich. Sie arbeiteten nicht wettbewerbsorientiert für ein privates Ziel. Von allen Einkünften profitierte die Gruppe als Ganzes. Daher waren die Gemeinden auch wirtschaftlich erfolgreich. „Hands to work and hearts to God!“ war ein wichtiger Grundsatz. Arbeit wurde zu Ehren Gottes gemacht und daher sparsam und bestmöglich ausgeführt. Viele Dinge optimierten die Shaker in Hinblick auf ihre Funktion – vom runden Stall fürs Vieh bis zum Kippfuß am Stuhl, einem Kugelgelenk am unteren Ende der Hinterbeine. Wer auf solch einem Stuhl saß, konnte auf den hinteren Stuhlbeinen wippen, wobei die Stuhlbeine sicher auf dem Boden ruhten. Die hohe Qualität der Produktionen faszinierte sogar Spötter wie Charles Dickens, der 1842 ein Shakerdorf besuchte.

 

Hoher Gebrauchswert

Das glaubensbedingte Bemühen um zuverlässige Funktionalität führte zu kreativen Möbelkreationen von Nähtischen bis zu Einbauschränken mit mehreren hundert? Schubladen. Viele technische Neuerungen entstanden auch, um die Bedingungen für die Arbeit und ihre Qualität zu verbessern: Shaker erfanden eine Kreissäge, Waschmaschinen, Flachbesen, die Metall-Schreibfeder, die Wäscheklammer und vieles andere mehr.

Um ihr Auskommen zu sichern, trieben sie Handel mit Saatgut, Besen und Mobiliar. Anfang des 19. Jahrhunderts blühte vor allem der Handel mit dem typischen Schaukelstuhl. Er wurde in den Wintermonaten arbeitsteilig hergestellt und in ganz Amerika über das erste mailorder Geschäft verkauft. Der Erfolg des Stuhls und seine Allgegenwart in den Shakerdörfern zeigt, dass die Belivers, wenn es um Bequemlichkeit ging, nicht prinzipientreu waren. Zur Freude am entspannten Schaukeln auf oft farbig bespannten Stühlen trug sicher auch die Überzeugung bei, dass es heilige Pflicht sei, sich bei guter Gesundheit zu halten.

Langlebige Schönheit

Die langlebige Schönheit der Dinge, die in diesem Arbeitsethos entsteht, begeistert auch Romana Seeland: „Zum Beispiel diese weiblichen Handwerkszeuge für die Küche oder fürs Nähen: Das ist alles schön gemacht, das mag man gern benutzen.“ Leitsätze der Shaker wie „Was in sich selbst den höchsten Gebrauchswert birgt, besitzt auch die größte Schönheit." wurden von vielen späteren Kunst- und Designtheorien aufgegriffen.

 

„Mehr muss es nicht sein!“

Die utopischen Gemeinschaften der Shaker schrumpften auch aufgrund des Zölibats nach dem Bürgerkrieg in den Vereinigten Staaten. Heute sind einige der verblieben Shakerdörfer zu Museen umgewandelt. Eine Shakergemeinde in Sabbathday Lake mit zwei noch lebenden Shakern hat sich erhalten, und zu ihnen halten die Seelands bis heute Kontakt.

Für den Tischlermeister haben die Begegnungen mit Brother Arnold, Sister Francis und anderen eine Wende in seinem Arbeiten bewirkt. Im Geist der Shaker zu arbeiten, bedeutet für ihn, dass man sich Gedanken macht: „Wie dick, wie breit, wie groß muss es sein? Muss es so groß sein oder kann ich das eleganter ausführen? Fassen sie die Lehne an, gehen sie mit der Hand so drüber: Das ist ja gerade so dick, dass oben diese Sprosse noch reinpasst. Da bleibt ja nur noch ein bisschen Material stehen. Aber es muss nicht mehr sein! Und dadurch federt das Ganze sogar noch etwas. Das soll es auch.“

Nach und nach haben sich der Tischler und seine Frau den Bau von Ikonen des Shakerdesigns angeeignet. Möbelmaße hierfür wurden von Originalen aus Amerika mitgebracht, und auch das Kirschbaumholz importiert Seeland aus Amerika. Die Bäume dort haben einen anderen Wuchs und das Schnittholz kaum Astlöcher: „plain wood“ sozusagen, das die schnörkellose Ästhetik gut zur Geltung bringt. Zum Repertoire gehören die typischen rollbaren Arbeitstische, der „Candlestand“, Schränke und die typischen Shakerleisten - Holzleisten mit gedrechselten Haken, die oftmals ganze Räume umspannten. Beim Putzen konnten daran Kleidung oder Stühle aufgehängt werden.

Gebogenes Holz

Eine besondere Herausforderung war der Nachbau der typischen Stühle und Shakerboxen – ovalen Spanholzschachteln in neun Größen, die zur Aufbewahrung verschiedenster Dinge dienten. Für diese Behältnisse muss Holz gebogen werden – und das ist, wie Peter Seeland erklärt, gewissermaßen unberechenbar. „Gedämpftes Holz kommt nach dem Biegen wieder ein Stück zurück. Man benötigt viel Erfahrungswissen, um einzuschätzen, wieviel es wieder zurückkommt…“

 

Weil ein renommierter Stuhlhersteller in Sachsen sich den Nachbau der Stühle nicht zutraute und auch die Shakerboxen nicht zuverlässig aus den USA importiert werden konnten, eigneten sich Seelands die Kunst des Holzbiegens selber an, bauten in ihrer Werkstatt geeignete Vorrichtungen und perfektionierten auch die Form der Stühle noch. Die Hölzer der Lehnen sind anders als bei den Shakern nicht nur nach hinten gebogen, sondern gehen auch in der Breite auseinander, weil die Schulter mehr Platz braucht als die Hüfte. Die von Romana Seeland von Hand beflochtenen Stühle wiegen knapp 4 kg und hängen damit gut am Shakerhaken.

 

 

Nachhaltiger Möbelkonsum

 

In den verbliebenen Shakergemeinden werden seit den 1960er Jahren keine oval boxes oder Möbel produziert. Erhaltene Originale sind heute beinahe unbezahlbar geworden. Und auch die Stücke des Reinhäuser Tischlermeisters haben ihren Preis: „Ich bin nicht viel schneller, als damals ein Shaker, wenn ich diese Möbel baue.“ Was herauskommt, sind schöne, zeitlose Gebrauchsgegenstände, die gerne und lange genutzt und möglichst auch vererbt werden wollen. Dem schnellen Industriemöbelkonsum der Gegenwart stellen die Seelands damit etwas Nachhaltiges entgegen. Mit ihrem Können tragen sie damit den Geist der Shaker in Gegenwart und Zukunft.


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Text Dr. Dorothee Hemme

Fotos Peter Seeland



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